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Vergessene Krisen 2026: Wo kaum jemand hinschaut

Es gibt eine unbequeme Regelmäßigkeit im Spendenwesen: Die Höhe der Spenden für eine Krise hängt stärker davon ab, wie viel darüber berichtet wird, als davon, wie viele Menschen betroffen sind.

Das ist niemandem vorzuwerfen. Wir spenden für das, was wir sehen. Nur führt es dazu, dass ausgerechnet die größten humanitären Katastrophen der Gegenwart am schlechtesten finanziert sind.

Dieser Beitrag ist ein Überblick über sechs Krisen, die 2026 deutlich mehr Aufmerksamkeit verdienen, als sie bekommen.

Warum Krisen in Vergessenheit geraten

Bevor es um die einzelnen Regionen geht, lohnt der Blick auf den Mechanismus. Drei Faktoren entscheiden darüber, ob eine Krise Aufmerksamkeit bekommt.

Bilder. Ein Erdbeben liefert innerhalb von Stunden dramatische Aufnahmen. Eine sich über Jahre verschärfende Hungerkrise liefert keine. Was langsam passiert, wird selten zur Nachricht.

Zugang. In vielen Konfliktregionen können Journalistinnen und Journalisten nicht arbeiten. Ohne Berichterstattung keine öffentliche Wahrnehmung, ohne Wahrnehmung keine Spenden.

Erschöpfung. Wenn ein Konflikt in das dritte oder vierte Jahr geht, sinkt die Aufmerksamkeit, obwohl die Not wächst. Mehr dazu in Mitgefühlsmüdigkeit.

Sechs Krisen, die 2026 unterfinanziert sind

Sudan

Die größte Hungerkrise der Welt. Seit Ausbruch des Krieges im April 2023 sind Millionen Menschen im eigenen Land vertrieben, Märkte sind zusammengebrochen, die Preise für Grundnahrungsmittel drastisch gestiegen. Für fast 25 Millionen Menschen ist die Ernährung nicht mehr gesichert. Im November 2025 wurde in Al-Fashir und Kadugli offiziell eine Hungersnot festgestellt. UNICEF rechnet für 2026 mit mehr als vier Millionen akut mangelernährten Kindern unter fünf Jahren.

→ Spenden für Sudan

Südsudan

FAO, WFP und UNICEF warnten Ende April 2026, dass zwischen April und Juli rund 7,8 Millionen Menschen – 56 Prozent der Bevölkerung – von akutem Hunger oder Schlimmerem betroffen sein würden. Fast 700.000 Kinder waren von schwerer, lebensbedrohlicher Mangelernährung bedroht. Das Land taucht in deutschen Nachrichten praktisch nicht auf.

Demokratische Republik Kongo

Einer der langlebigsten und am schlechtesten finanzierten Konflikte weltweit. Millionen Binnenvertriebene, wiederkehrende Epidemien, ein Gesundheitssystem am Rand der Belastbarkeit. Die Krise ist so alt, dass sie nie neu genug für eine Schlagzeile ist.

Myanmar

Konflikt, Vertreibung und Naturkatastrophen überlagern sich. Der Zugang für Hilfsorganisationen ist stark eingeschränkt, unabhängige Berichterstattung kaum möglich.

Haiti

Bandengewalt, Staatszerfall, unterbrochene Versorgungswege. Eine Krise vor der Haustür der reichsten Volkswirtschaft der Welt – und dennoch weitgehend unsichtbar.

Afghanistan

Wirtschaftlicher Zusammenbruch, Dürre, drastisch eingeschränkte Rechte für Frauen und Mädchen. Nach dem Rückzug internationaler Aufmerksamkeit 2021 ist die humanitäre Lage geblieben, das Interesse nicht.

Warum 2026 besonders kritisch ist

Vergessene Krisen sind immer unterfinanziert. Dieses Jahr trifft sie zusätzlich der allgemeine Rückgang der Mittel. Große Geberstaaten haben gekürzt, die USA haben USAID aufgelöst, der deutsche Etat für humanitäre Hilfe ist zwischen 2022 und 2026 um rund 60 Prozent geschrumpft. Die Vereinten Nationen mussten priorisieren und identifizierten rund 114 Millionen Menschen in besonders lebensbedrohlicher Lage – nicht einmal die Hälfte derer, die Hilfe bräuchten.

Wenn priorisiert wird, verlieren zuerst die Krisen, die niemand beobachtet. Die Zusammenhänge haben wir in Wenn die Geber wegbrechen aufgeschrieben.

Was das für deine Spende heißt

Ungebunden spenden. Eine zweckungebundene Spende kann dorthin fließen, wo die Lücke am größten ist – und das ist per Definition die Krise, für die niemand spendet.

Antizyklisch spenden. Nach einer Katastrophe fließt viel Geld auf einmal, ein halbes Jahr später fast keins mehr – obwohl der Wiederaufbau dann erst beginnt. Warum das Timing so viel ausmacht, erklärt Der Dezember-Effekt.

Über ein Bündnis spenden. Bündnisse verteilen Mittel auf mehrere Organisationen mit unterschiedlichen Schwerpunkten. Wie das funktioniert, steht in Ein Konto, viele Organisationen.

Dranbleiben statt reagieren. Ein Dauerauftrag ist das wirksamste Gegenmittel gegen Aufmerksamkeitszyklen. Er wirkt auch dann, wenn gerade niemand hinsieht. Siehe Warum regelmäßige Spenden wichtig sind.

Der ehrliche Schluss

Man kann nicht überall gleichzeitig helfen, und niemand muss ein schlechtes Gewissen haben, weil er für Gaza spendet und nicht für Haiti. Aber es lohnt sich, einmal im Jahr bewusst zu prüfen, ob die eigene Spende dem Nachrichtenzyklus folgt oder dem tatsächlichen Bedarf.

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Häufige Fragen

Was ist eine „vergessene Krise“?
Eine humanitäre Notlage mit hohem Bedarf, aber geringer medialer Aufmerksamkeit und entsprechend schlechter Finanzierung.

Wie finde ich heraus, welche Krisen unterfinanziert sind?
UN-OCHA und große Hilfsorganisationen veröffentlichen regelmäßig Übersichten zum Finanzierungsstand der einzelnen Hilfsaufrufe.

Ist es besser, für eine vergessene Krise zu spenden?
Pro gespendetem Euro ist der Grenznutzen dort oft höher, weil kaum andere Mittel fließen. Entscheidend ist aber vor allem, dass überhaupt und verlässlich gespendet wird.

Wie kann ich sicher sein, dass mein Geld dort ankommt?
Über etablierte Organisationen mit Präsenz in der Region, geprüft über Spendensiegel und Zuwendungsempfängerregister.


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